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Gedichte von
Hans-Peter Kraus

Einleitung

Der Klapperstorch für Gedichte

Ein Soldat stirbt nicht

Was ich dir schenken wollt’

Erinnerung an Charles M. Schulz

Das Weltbild der Ameise

Kandidatenplakate

Sagt nichts, kuckt nur

Ein Spaziergang im Dunkeln

Was ist wichtig?

Unser schönes Maschinengewehr

Zwei alte Leute

Der Vater aller Bruderkriege

Die kürzeste Romanze der Welt

Traumbaum

Weg ins Ungewisse

Erschießt sie

Spätwestern

Einzelhaft

ach du bliebe bleib

Was weiß ich

Herbstwunsch

Für eine alte Frau

Menschenopfer

Der Tag davor

Auf Papier in Klarsichthüllen

Regiert die Welt

Ausschnitt aus der Schöpfungsgeschichte

Dies ist kein Gedicht

Zurück zur Winterjacke

Bekennende Jäger

Gedankenlos

Einmaliger Ausrutscher

River romantique

1999

Ein ganz bestimmtes Weiß

Macht ist, wenn man’s macht

Blue Suede Shoes

 

 

Etwas Eigenwerbung:

Gedichtbuch: Zum Reimen schön

 

Roman Freund Hain - Die einzig wahre Geschichte seiner Freundschaft mit dem Dichter Matthias Claudius ...

Menschenopfer

In einem fernen Land nicht weit von hier
lebt ein seltsames Volk.
Dieses Volk verehrt einen Gott
mit einem für unsere Zungen unaussprechlichen Namen.
Übersetzt heißt er etwa:
"Von-ganz-allein-überall-hin".
Diesem Gott werden täglich Menschenopfer gebracht.
Wie grausam könnte man denken,
aber nein, so ist es nicht.

Da die Begeisterung für diesen Gott so groß ist,
wurde das Opferwesen strengen Regeln unterworfen.
Tatsächlich nehmen die Opfer an Schulungskursen teil,
legen staatliche Prüfungen ab, die sie selbst bezahlen.
Sie arbeiten lang und hart,
um sich ein Opfergefäß leisten zu können.

Wer dies als Wahnsinn bezeichnete,
würde als Spinner verlacht,
denn die Menschen dieses Volkes fühlen sich nur frei,
wenn sie in ihren engen Opfergefäßen sitzen.

Unglücklicherweise ist die Zahl derjenigen,
die in ihren Opfergefäßen auf der Suche
nach einem würdigen Opferort sind, so groß,
dass sich lange Prozessionen bilden,
die sich im schleppendem Tempo
durch die Sakrifikationswege wälzen.

Dies ist deshalb ein Unglück,
weil ein Menschenopfer zu Ehren des Gottes
"Von-ganz-allein-überall-hin"
eine gewisse Grundgeschwindigkeit
des Opfergefäßes verlangt.
Doch ist das Opfer erstmal gelungen,
versammeln sich die Menschen dieses Volkes
am Opferort zu einem Gottesdienst.

Die Begeisterung und Liebe für diesen Gott
mag uns exotisch, die Praktiken grausam erscheinen,
doch wenn wir von unserem hohen Ross steigen
und einander ehrlich in die Augen schauen,
dann sehen wir ...

 

Zum Gedicht:
Ist immer schwierig zu sagen, ob der Leser zu leicht an die Lösung kommt oder ein Text unlösbar an ihm vorbeigeht. Aber "Von-ganz-allein-überall-hin" ist nur eine einfache Übersetzung des Wortes Automobil. Die Perspektive auf ein exotisches Volk spiegelt wider, wie exotisch der Gedanke an den Irrsinn des Ganzen ist.

Thema dieser Seite:
Gedicht über Autos, Verkehrstote, Verfremdungseffekt im Gedicht.