Zwei Jahre Rot-Weiß
 
• Regionalliga 2000/2001
 
• Zweite Liga 2004/2005
 
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Das Märchen mit dem Schalke-Fan
Der sterbende König
Es war einmal ein sterbender König, dessen einzige Sorge darin bestand, dass sein Grab das schönste und bestgepflegteste des ganzen Landes sein sollte.
Eines Tages rief er die Prinzessin zu sich und sprach: "Meine liebste und einzige Tochter, ich möchte, dass du mir, deinem sterbenden Vater, versprichst, den Friedhofsgärtner zu heiraten, damit mein Grab das schönste und bestgepflegteste im ganzen Land sein wird."
Die Prinzessin erbleichte. Um ihren Schrecken zu verbergen und Zeit zu gewinnen, bückte sie sich nach dem Gebiss des Königs, das beim gebissfeindlichen Wort "bestgepflegteste" dem königlichen Mund entfleucht war.
Oh nein, dachte die Prinzessin, ich habe wirklich mit dem Schlimmsten gerechnet, doch das übertrifft alles. Der Friedhofsgärtner ist zwar für sein Alter ganz gut erhalten, aber er ist so dumm. Erst neulich hab ich von meiner Kammerzofe gehört, dass er nicht nur so meschugge ist, zu jedem Heimspiel von Schalke 04 zu gehen, er ist sogar so blöd, auch noch zu den Auswärtsspielen mitzufahren. Was soll ich nur machen? Einem Sterbenden darf man seinen letzten Wunsch nicht abschlagen, doch wenn der Alte erstmal unter der Erde ist, dann werde ich schon eine Lösung finden.
So also dachte die Prinzessin, während sie das Gebiss aufhob. Sie pfropfte es dem sterbenden König wieder in den Mund und sagte: "Vater, dies ist eine schwere Verpflichtung, die du mir auferlegst, aber zu deinem Seelenfrieden will ich dieses Opfer erbringen."
Selig schloss der König die Augen, um zu sterben, denn jetzt ward ihm seine letzte Last genommen.
Doch er starb nicht.
Die Jahre gingen ins Land und wieder hinaus, hinein und wieder hinaus, sie gaben sich gewissermaßen die Klinke in die Hand, doch der König starb nicht.
So lebte die Prinzessin glücklich bis an ihr Lebensende, und wenn er nicht gestorben ist, dann stirbt er noch heute.
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Ohne Phantasie checkst du's hier nie*
Phantasie ist wichtig, vor allem im Ruhrgebiet, vor allem beim Fußball im Ruhrgebiet. Hier beginnt die Phantasie auf Aschenplätzen und endet in den Kommerztempeln von Schalke oder Dortmund. Dazwischen gibt es die größte anzunehmende Ansammlung von Vereinen mit glorreicher Vergangenheit. Diese Vereine und ihre Fans leben von der Erinnerung - und selbst zum Erinnern braucht man viel Phantasie.
Zum Beispiel Westfalia Herne: Kann sich jemand vorstellen, dass so ein Verein um die deutsche Meisterschaft mitgespielt hat? Ja, wir reden über Fußball. 1959 und 1960 spielte Westfalia in der Endrunde zusammen mit dem Hamburger SV. Es hat nicht fürs Endspiel gereicht. Gereicht hat es aber für Borussia Dortmund 1976 vor 25.000 Zuschauern in der zweiten Bundesliga. Der große Aufstiegsfavorit wurde mit 2:1 nach Hause geschickt. Heutzutage reicht es nur noch für die Oberliga, Viertklassigkeit. 1.000 Zuschauer und ein 1:0-Sieg gegen den ungeschlagenen Tabellenführer Borussia Dortmund Amateure im September 2001 waren der letzte Höhepunkt, der die Phantasie der Fans anregte.
Überhaupt: die Fans. Phantasie beim Fußball ist Sache der Fans. Nach drei Siegen in Serie singen sie von der Meisterschaft, werden belächelt, doch bald glauben auch die Spieler dran, sagen aber nix wegen dem Trainer, der immer noch gegen den Abstieg kämpft, und irgendwann ist die Mannschaft Meister und mit Phantasie fing alles an.
Trainer sind bekannt für ihre Phantasielosigkeit ("Nur nicht abheben"), deshalb fliegen sie auch als erstes raus. Wenn ein Trainer nach fünf Niederlagen hintereinander immer noch was von einer Wende faselt, wer soll ihm das glauben, wo er doch das schwächste Glied in der Phantasiekette ist?
Christoph Daum ist ein Paradebeispiel dafür, wie weit man es als Trainer mit Phantasie bringen kann. Fast wäre er Bundestrainer geworden, weil er die Phantasie zu einem Verein wie Bayer Leverkusen brachte. Ein Verein, der einfach nicht Meister werden kann, weil nie ein Leverkusener Spieler den Satz "Gib mich die Pille" kapieren wird: zu wenig Phantasie. Inzwischen wissen wir, dass Christoph Daum einen hohen Preis für seine Phantasie gezahlt hat, auch wenn er den Stoff angeblich immer umsonst bekam.
Umsonst bekommt man anscheinend auch was bei Rot-Weiß Essen. Oder wie ist es zu erklären, dass sich sieben- bis achttausend Zuschauer alle zwei Wochen drittklassigen Fußball in der Regionalliga Nord antun? Auch hier sind die großen Zeiten lange vorbei: 1955 Deutscher Meister, in den Siebzigern ein paar Jahre erste Liga. Nur 1994 gab's noch einen Ausreißer mit dem Pokalfinale in Berlin. Ansonsten waren die letzten Jahre geprägt von Lizenzentzügen und belanglosem Zweit- oder Drittligagekicke. Und was noch schlimmer ist: die Trainer, die sich dort in den letzten Jahren die Klinke in die Hand gaben, hatten alle die gleiche phantasielose Handschrift. So war RWE in der Saison 2000/2001 zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Spitze im bezahlten Fußball: fünf 0:0-Spiele in der Hinrunde hatte keine andere Mannschaft in den ersten drei Ligen zu Stande gebracht.
Bleibt die Frage, warum gehen die Leute trotzdem immer wieder hin? Vielleicht liegt es an der besonderen Stimmung im Georg-Melches-Stadion. Das Stadion hat nur auf drei Seiten Zuschauerränge, die jedoch alle überdacht sind. Die Kapazität ist mit 24.500 nicht sehr groß. Da reichen schon drei- bis viertausend Zuschauer, um Stimmung in die Bude zu bekommen.
Vielleicht liegt es auch an der besonderen Fanmentalität. Die Entscheidung, bei welchem Verein man Fan wird, fällt bereits in jungen Jahren. Papa schleppt den Kleinen mit ins Stadion und damit ist er fürs Leben gezeichnet. Da kann ein paar Kilometer weiter noch so toller Fußball geboten werden - Meisterschaft, Championsleague inklusive -, Überlaufen gibt's nicht. Man kann woanders mal kucken gehen, aber das ist ein anderes Spiel - ein Spiel, das man nur mit den Augen sieht und mit kaltem Verstand analysiert. Das ist nicht der wahre Fußball, wie man ihn bei seinem Verein erlebt, wo man mit dem Herzen zusieht und der Verstand weitgehend ausgeschaltet bleibt.
Und schließlich geht man vielleicht auch immer wieder hin, weil ein Fan von der Hoffnung lebt, von der Hoffnung auf Spiele wie dieses:
RWE lag gegen Werder Bremen Amateure nach 70 Minuten 0:3 zurück und niemand brachte mehr die Phantasie auf, an eine Wende zu glauben. Die Essener Spieler bemühten sich, aber es war mehr das Bemühen, das man in einem Arbeitszeugnis findet: "X hat sich stets bemüht, den an ihn gerichteten Anforderungen gerecht zu werden." Übersetzt heißt das: Flasche leer.
In der 71. Minute fummelte sich Erwin Koen auf der linken Seite durch, setzte zu einer seiner hohen Flanken an, die vor allem für des Gegners Knie gefährlich sind, doch diesmal erreichte sein Ball ungeahnte Kopfballhöhen. Allerdings war nur Sascha Wolf mitgelaufen, an dessen letztes Tor sich nur noch die Meckerköpfe in Block M hämisch erinnerten. Wolf stieg zum Kopfball hoch, köpfte, der Ball flog und flog und flog und landete im Netz. Einen unendlichen Bruchteil einer Sekunde lang kapierte niemand im Stadion, was passiert war, dann brach bei den Essener Fans die Phantasie aus.
Fünf Minuten später machte Wolf das 2:3. Jetzt vibrierte das Dach über der Fantribüne. Vor lauter Phantasie konnten die Spieler auf dem Rasen ihren eigenen Schuss nicht mehr hören.
Angriffswelle auf Angriffswelle schwappte gegen das Tor der Werder Amateure, die wie Uferpflanzen hin- und herschlingerten, doch der Ausgleich fiel nicht. Chancen im Minutentakt, Latte, Pfosten, Rettung auf der Linie, alles drin, nur der Ball nicht. Selbst auf der Sitzplatztribüne hatte die Phantasie alle Zuschauer hochgerissen. Der Schiedsrichter zeigte noch eine Minute.
Torben Tutas bekam den Ball an der Mittelinie, ließ zwei Gegner stehen, fummelt sich durch zwei weitere, Kurzpass auf Weber, Schuss, abgewehrt, Nachschuss, drin. Da flog das Dach der Fantribüne weg.
Der Schiedsrichter ließ den Anstoß noch ausführen. Die Werderaner verloren sofort den Ball und angetrieben von der alles verschlingenden Phantasie der Essener Fans sirrten die RWE-Spieler moskitogleich durch die Bremer Hälfte, trockener Schuss aus 18 Metern: 4:3. Da flog das Dach der Sitzplatztribüne weg.
Den Schlusspfiff wartete ich gar nicht mehr ab, sondern schwang mich vom Sofa, ging hinüber zum Schreibtisch und schrieb diesen Tagtraum auf. Was für ein Spiel!
Trotzdem frag ich mich, ob ich zum nächsten Heimspiel überhaupt hingehen soll. Was ist, wenn's plötzlich regnet? Soll ich mir einen nassen Hintern holen - jetzt, wo keine Dächer mehr über den Tribünen sind?
 
* Der Titel stammt aus einem Lied über das Ruhrgebiet von Anfang der 80er Jahre. Leider reicht meine Phantasie nicht aus, mich zu erinnern, wer es gesungen hat.
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